{"id":966,"date":"2014-04-06T19:31:11","date_gmt":"2014-04-06T17:31:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kraeutersturm.ch\/wordpress\/?p=966"},"modified":"2016-10-11T12:19:39","modified_gmt":"2016-10-11T10:19:39","slug":"zwischenhochvorsaison","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kraeutersturm.ch\/wordpress\/zwischenhochvorsaison\/","title":{"rendered":"Zwischenhochvorsaison"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In zwei, drei Wochen,\u00a0so scheint es, wird auch in der Urschweiz einheimischer oder wenigstens Badischer Spargel angeboten werden\u00a0und mein Spargelherz\u00a0dabei ganz heftig schlagen!\u00a0Deshalb mache ich mir noch ein paar nachtr\u00e4gliche Gedanken zu den vergangenen Wochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Winter, der keiner war, liess meine kulinarischen Fr\u00fchlingsgef\u00fchle bereits Mitte Februar hochk\u00f6cheln. Wie toll w\u00e4re es, jetzt so eine feine Spargelquiche zu backen oder ein himmlisches Erdbeerdessert zu zaubern? Aber um die Fasnacht rum\u00a0war definitiv weder Spargel- noch Erdbeerzeit.<\/p>\n<h6 style=\"text-align: justify;\">Weisser Peru-Spargel und gr\u00fcner Mexiko-Spargel<\/h6>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenige Tage sp\u00e4ter wurde ich eines Besseren belehrt: Ein Grossverteiler lenkte meinen Blick beim Eintreten in den Laden gekonnt auf verlockend rote,\u00a0marokkanische Beeren im Ein-Kilo-Kistchen. Der Preis? Knapp gleich viel wie im Mai \u2013 f\u00fcr ein K\u00f6rbchen von 250 Gramm Schweizer Erdbeeren. Ein anderer Grossverteiler appellierte hartn\u00e4ckig an den Spargelgourmet in mir und bot\u00a0wunderbar weissen Peru-Spargel und knackig gr\u00fcnen Mexiko-Spargel an. Der Preis? Weniger als im Mai\u00a0ein Bund einheimischer Edelstangen mit dem halben Gewicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kollegin Rita staunte \u00fcber meine Entr\u00fcstung ob der saisonalen Fehlangebote: \u00abDiese Erdbeeren schmecken und sie kosten doch viel weniger als die sauteuren Schweizer Beeren. Was regst Du Dich auf? Ich habe Lust auf Spargel, er ist zu einem erschwinglichen Preis erh\u00e4ltlich, also kaufe ich ihn.\u00bb<br \/>\nZwei Tage sp\u00e4ter\u00a0machten mir die\u00a0beiden Grossverteiler\u00a0\u00fcber\u00a0ihre Hauszeitschriften und auf den Online-Plattformen klar, dass ich unsozial sei, wenn ich mich dem winterlichen Spargeltrend verweigere. Denn in Peru w\u00fcrden alleine dank Spargelanbau und -verarbeitung einer einzigen Firma 90\u2019000 [sic] Arbeitspl\u00e4tze geschaffen und in der strukturschwachen K\u00fcstenregion so die Landflucht einged\u00e4mmt.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Verantwortung des Konsumenten<\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wurde aufgekl\u00e4rt \u00fcber meine Verantwortung der mexikanischen Landbev\u00f6lkerung gegen\u00fcber: Nur dank der Intervention und Aufkl\u00e4rung\u00a0vor Ort durch die Grossverteiler und nat\u00fcrlich\u00a0deren Teilnahme am BSCI (Business Social Compliance Initiative) w\u00fcrden die gesetzlichen Mindestl\u00f6hne bezahlt und korrekte Arbeitszeiten eingehalten. Ich habe also die Gewissheit, dass diese Spargeln unter menschenw\u00fcrdigen und zeitgem\u00e4ssen Arbeitsbedingungen produziert werden. Ja,\u00a0man lobt sogar die eigene\u00a0Bereitschaft, gerechte Preise zu bezahlen. Ach so, daher die unglaublich g\u00fcnstigen Preise!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcbrigens ist in S\u00fcdamerika von Januar bis Mai Spargelzeit und in Spanien und Marokko haben zu derselben Zeit die Erdbeeren Hochsaison. In der Schweiz beginnt die entsprechende Saison fast ein Vierteljahr sp\u00e4ter. Aber das spielt ja keine Rolle, denn mir ist jetzt klar, dass die Saison dann stattfindet, wenn mir das Gem\u00fcse im Ladenregal angeboten wird. Praktisch, irgendwo auf der Welt ist immer gerade Saison f\u00fcr etwas, das bei uns gerade nicht erh\u00e4ltlich w\u00e4re. Was soll\u2019s!<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><strong>Und wo bleibt die Umwelt?<\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und muss ich mir jetzt noch Gedanken dar\u00fcber machen, wie die CO2-Bilanz ausf\u00e4llt? Sicher nicht, denn der eine Anbieter teilt vorsorglich mit, dass er den Schadstoffausstoss voll-umf\u00e4nglich kompensiere. Leider vergisst er zu erw\u00e4hnen wie. Auch der andere ist bem\u00fcht, die Bilanz zu optimieren, mit der Entwicklung neuer Verpackungen, die sich besser f\u00fcr den Transport per Flugzeug eignen sollen. Mein Gewissen\u00a0kann ich also beruhigen und dar\u00fcber hinwegsehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Apropos Gewissen: Rita bezeichnet mich als moralinsauer. Ich k\u00f6nne doch einem armen marokkanischen Landmann kein anst\u00e4ndiges Einkommen verwehren. Himmel nein, das ist wirklich nicht meine Absicht. Aber verwirrt bin ich trotzdem: Ich soll, fern der Saison, Fr\u00fcchte und Gem\u00fcse kaufen, um auf der anderen H\u00e4lfte der Erdkugel Arbeitsstellen zu schaffen. Unsere einheimischen Produkte sind zwar teurer, und zwar dann, wenn sie Saison haben. Aber die Schweizer Bauern ben\u00f6tigen Unterst\u00fctzung von ausl\u00e4ndischen Erntehelfern, also billigen Arbeitskr\u00e4ften. Und wir Mitteleurop\u00e4er w\u00fcnschen uns bedingungslos tolle L\u00f6hne. Wer bezahlt also tolle L\u00f6hne und verlangt nichts f\u00fcr das Produkt? Doch nicht etwa die Grosskonzerne, die v\u00f6llig selbstlos die armen Marokkaner, Peruaner und Mexikaner unterst\u00fctzen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meinen inneren Konflikt l\u00f6ste ich schliesslich gut schweizerisch und entschied mich f\u00fcr das Bew\u00e4hrte: Ich k\u00f6chelte mir also Ende Februar eine Seelenw\u00e4rmersuppe aus Sellerie vom Bauern im Nachbardorf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">PS.<br \/>\nIn dieser bitterkalten Nacht tr\u00e4umte ich mich auf ein Feld im Berner Seeland.\u00a0Pl\u00f6tzlich stolperte ich, st\u00fcrzte erst ins Bodenlose, landete dann beim Grossverteiler in einem Erdbeerk\u00f6rbchen. Herr M. und Frau C. schlugen mit Spargelstangen auf mich ein und riefen immer wieder: \u201eDie Konsumenten wollen das, die Konsumenten zwingen uns, die Konsumenten, die Konsumenten\u2026\u201c. Es wurde dunkel und ich landete wieder auf dem Feld, aber es war Fr\u00fchling.\u00a0Der\u00a0milde Maiwind verfing sich in meinem Haar und s\u00e4uselte etwas von wunderbarem Spargelquiche und fruchtigem Erdbeersalat in mein Ohr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In zwei, drei Wochen,\u00a0so scheint es, wird auch in der Urschweiz einheimischer oder wenigstens Badischer Spargel angeboten werden\u00a0und mein Spargelherz\u00a0dabei ganz heftig schlagen!\u00a0Deshalb mache ich mir noch ein paar nachtr\u00e4gliche Gedanken zu den vergangenen Wochen. Dieser Winter, der keiner war, liess meine kulinarischen Fr\u00fchlingsgef\u00fchle bereits Mitte Februar hochk\u00f6cheln. Wie toll w\u00e4re es, jetzt so eine feine Spargelquiche zu backen oder ein himmlisches Erdbeerdessert zu zaubern? Aber um die Fasnacht rum\u00a0war definitiv weder Spargel- noch Erdbeerzeit. Weisser Peru-Spargel und gr\u00fcner Mexiko-Spargel Wenige Tage sp\u00e4ter wurde ich eines Besseren belehrt: Ein Grossverteiler lenkte meinen Blick beim Eintreten in den Laden gekonnt auf verlockend rote,\u00a0marokkanische Beeren im Ein-Kilo-Kistchen. Der Preis? Knapp gleich viel wie im Mai \u2013 f\u00fcr ein K\u00f6rbchen von 250 Gramm Schweizer Erdbeeren. Ein anderer Grossverteiler appellierte hartn\u00e4ckig an den Spargelgourmet in mir und bot\u00a0wunderbar weissen Peru-Spargel und knackig gr\u00fcnen Mexiko-Spargel an. Der Preis? Weniger als im Mai\u00a0ein Bund einheimischer Edelstangen mit dem halben Gewicht. 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